Die Rasselbande

Gelegentlich regen sich unkundige Neubürger in Hürth-Fischenich an den Kartagen vor Ostern über lärmende Kinder und Jugendliche auf. Sie schimpfen, werfen auch schon mal mit Eiern oder rufen die Polizei. Sie wissen nicht, dass dies die Mess­dienerinnen und Mess­diener der katholischen Pfarrgemeinde St. Martinus sind, die einen alten Osterbrauch pflegen, der in den meisten Nachbarorten inzwischen leider weitgehend ausgestorben ist.

Dieser Brauch, den es wohl auch in anderen Regionen gibt oder gab, hat sich in dem Hürther Ortsteil Fischenich vermutlich seit nahezu hundert Jahren erhalten. Während des Gottes­dienstes an Gründonnerstag verstummen im Gedenken an die Leidensgeschichte Jesu die Glocken, schweigt die Orgel. „Die Glocken sind nach Rom gefahren“, sagt der Volksmund. Daher verkünden an den Kartagen die Messdiener mit Raspeln und Gesängen die Tages­zeit.

An Karfreitag ziehen die Messdiener in Gruppen morgens früh bereits um 6 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr sowie am Karsamstag morgens durch die Straßen und Gassen von Fischenich und singen im Stile von Moritatensängern ziemlich derbe Sprüche nach dem Motto „Reim dich oder ich fress dich“. Abwechselnd wird geraspelt und gesungen:

Morgens

Ihr leev Lücksche lot üch saare,

de Jlocke sen noh Rom gefaare.

Et lök Morjensglock

eraus us em Mott!

Mittags

Ihr leev Lücksche lot üch saare,

de Jlocke sen noh Rom gefaare.

Et lök meddach

Wä jekauch hätt, dä laach!

Abends

Ihr leev Lücksche lot üch saare,

de Jlocke sen noh Rom gefaare.

Et lök Ovendsglock, Köngde en et Bett,

söns kütt dä Vatter möm Bässemstäck!

Die mündlich überlieferten Texte lassen ahnen, wie schwierig und hart die Zeiten damals waren, von den rüden Erziehungsmethoden ganz zu schweigen.

Die Raspeln bestehen aus einem Rundholz mit einem gedrechselten Zahnkranz, einer Sperr­holz­zunge und einem Reso­nanz­körper. Dreht man das Instrument um das Rundholz, entsteht ein lautes, rasselndes Geräusch. Hergestellt wurden die Raspeln vom örtlichen Schreinern oder talentierten Vätern.

Dieser schöne alte Osterbrauch wurde nach der Erinnerung einer betagten Fischenicherin vom Pastor Reiner Wimmer, der von 1907 bis 1923 Pfarrer in Fischenich war, hier ein­geführt. Der 1850 geborene Priester war vorher in der Eifel tätig und hatte diesen Brauch von dort mitgebracht. In den 80-er Jahren drohte das Rasseln mangels Messdiener einzuschlafen.

Da sprang das Jugendblasorchester der KG Blau-Weiß Fischenich unter ihrem Leiter, dem früheren Ortsvorsteher Johannes Außem, für einige Jahre in die Bresche, bis die Messdiener wieder selbst Raspeln gehen konnten und diesen Brauch auch heute noch lebendig erhalten.

Entlohnt werden die Messdiener für das frühe Aufstehen, die schmerzhaften Blasen an den Händen und die Heiserkeit beim Ostereiersammeln am Karsamstag. Dann ziehen sie von Haus zu Haus und bitten mit diesem Spruch – diesmal in Hochdeutsch – um eine Spende:

Wir haben gesungen am heiligen Grab

und bitten um eine Ostergab‘.

Nicht zu groß und nicht zu klein,

alles geht ins Körbchen rein.

Die eingesammelten Ostereier und Süßigkeiten werden unter allen Messdienern redlich aufgeteilt. Das gilt auch für die Geldspenden: Ein Teil geht in die Messdienerkasse, der überwiegende Teil wird wohl­tätigen Zwecken zugeführt, wie Projekten in der Entwicklungshilfe oder für Opfer von Katastrophen.

Helmut Görtz

Quellen:

Johannes Außem

Zeitzeugen, eigene Messdienerzeit

Manfred Germund: Raspeln – ein christlicher Osterbrauch (Hürther Heimat, Heft 74, 1995)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*